Stadtschichten

Samstag, 4. März 2006

Café-Szenen I

Unter seiner Schirmmütze zermalmt er seinen Kaugummi wie einen internen Matchball, wirft den Blick im Takt zu den Kauflächen hin und her. Daneben kippt eine Kaffeetasse um, die Straßenladies lachen, Frisuren wippen. Haare als Gartenfläche. Oh ihr hängenden Gärten der Semiramis. Oh Du karge Tundra des Nordpolarkreises. An den Wänden leuchten Fruchtbilder.
Der schmalschwule Kellner huscht durch den Gang, wischt eine Tischfläche sauber, streichelt die auf einer Lehne balancierende Katze. Der Teetrinker spuckt Erdnusskrümel auf den Boden und schriftstellert. Eine Alte leckt sich mit der Zunge die Zahnfleischunterseite ab, am Lippenbändchen entlang. Ich lutsche an meiner Zigarette, gurgele das Bier und lege meinen Stift in die Aschenbecherhalterung.

Und Männer, die zuviel reden sind nicht eloquent und Frauen, die zu wenig tragen, übertreiben. Und von ersteren gibt es immer noch solche, die meinen, sich die Dinge hinter die Ohren stecken zu müssen: Zigaretten, Bleistifte, Hautirritationen.

Ich zumindest, mit erdnusschalenvollgekrümeltem Ärmel, möchte nicht von mir beobachtet werden.

Sonntag, 19. Februar 2006

Inseln

Sandhügel, Kieshaufen, Zementberge und morsche Gehwegplatten, die beim Passieren nachgeben. Die Wege lösen sich vom Stadtboden, wie der Schorf vom Elend.

Auf einer Ampelinsel zwischen zwei Verkehrsschneisen liegen drei Hunde im Kreis. Eine Frau steht neben ihnen, den Wanderstab fest in der Hand. Die Köter beißen sich in die Hoden.
So ein friedlicher Zirkel, denke ich und möchte mich zu ihnen legen auf diese Plattform und den Geschmack von Flöhen zwischen den Zähnen haben.

mittags

Auf dem Markt sind sie wieder zusammen: Die Düfte, die gesunde Ernährung und die geflickten Familien.
Äpfel und Kinderwangen glänzen in der Sonne. Die Brote stapeln sich hinter holzgerahmten Vitrinen. Der Romanesco ist so klein und spitz wie Drachenbrüste. Aufgeschnittene Kiwis liegen auf den Tischen. Käse wird gegen die Sonne abgeschirmt. Kinder gegen die Hunde. Tulpen blühen unter den scharfen Blicken der Verkäufer. Plastiktüten hängen in den Baumkronen.

Mittwoch, 15. Februar 2006

Demaskerade

Ihre Absätze bohren sich in den Bürgersteig, während der Kopf sich immer zur Seite dreht, wenn ein Auto die Straße hinab fährt. Die Brüste ausgestellt, Handtaschenschlenkern. Im Laternenlicht glänzt die Feinstrumpfhose. Schwefelgelb. Ich wechsele die Straßenseite. Der Fehler ist: der Hang zu dessen Vermeidung.

In den Bordsteinrinnen gluckst Trinkwasser. An der Ecke sprudelt eine Fontäne aus einem Rohr. Ein Junge hält einen Eimer schräg darunter.
Es denkt sich so einfach, über den Tag verteilt. Als ich die Einkäufe die Straße hinauf trage: Das Leben ist schwer. Die Gänsehaut wie eine Harfe zu zupfen.
Schreiben, um Schwäche sichtbar zu machen. Dass den Perfektionismus immer der Hauch von höherem Anspruch streift, das ist die Wunde selbst. Wörter werden zu Minen. Den Ausdruck schleifen bis er mir die Haltung formt, der ich mir schuldig bin.
Du – meine Gebietskörperschaft.

Die Nutte stemmt ein Bein gegen die Wand. Ein Mann stolpert über die Straße und tritt einen Baum. Auf der Baustelle trocknet der Beton. Die Äste sind kahl geschnitten.

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