Mahlstroem
Der andere also geht in ein Haus, von dem man weiß, dass es nur einen, diesen Ausgang gibt und also bleibt man davor stehen, wartet. Man dreht sich ab und zu herum, schaut den herauskommenden, hineingehenden Menschen zu, beugt sich nach unten zu den Treppenstufen, hebt etwas auf vielleicht, ein Papier oder ein klebriges Bonbon, liest etwas, schaut wieder auf. Und es gehen viele Menschen herum und langsam wird es spät und dunkel und schließlich erscheint ein letzter Mensch mit einem Schlüsselbund in der Hand und man geht hin und fragt, ob sich nicht noch jemand in diesem Haus befinden würde und er schüttelt den Kopf und schließt die Tür ab.
Montseigneur - 8. Mai, 08:35
Es zogen an uns vorbei: zum Mittag ausschwärmende Postbeamte, Bettler in Sporthosen, Großhändler hinter Handwagen mit Tetrapaks Milch, Saft und Kräutergartensuppe. Ein Gemüsekarren kippte um, die Salatköpfe kullerten heraus, camouflierten die Füße mit grünledrigen Symbolgehäusen. Während der Wagenzieher das Gemüse aufsammelte, strichen wir uns langsam imaginäre Salatfetzen von den Hosen, entfernten lose Eichblätter von den Schultern.
Am oberen Ende der Straßenkreuzung stand eine Kirche. Ich warf ein Dutzend Münzen in den Blechkasten, zündete an ein Vergebungsbataillon.
Doppelmoral und Feigheit: Von Taktiken reden, die man nicht befolgen kann.
Es hupten die Busse, die Motorräder. Abgase stiegen empor. Das Sonnenlicht.
Dann eilte ich die Kirchtreppen hinunter, kaufte einen Stapel Zeitungen, sah Polizisten beim Pfeifen zu, stopfte Obst in die Tasche. Und aß Grieß, dass es die Magenwände aufscheuerte.
Montseigneur - 4. Apr, 21:16
Und während ich die Straße hinuntergehe, mit Schlüssel und fünf Euro in den Händen, wird mir weich um die Gelenke. Ich stülpe die Kapuze über das Haar und kann nicht verhindern, dass mir dabei der Geldschein aus den Fingern gleitet und ins Bordsteinrinnenwasser fällt. Also knie ich mich hinunter zu dem dahinuntergleitenden Wasser und schaue dem dahinsegelnden, sich vollsaugenden, verschwindenden Papier zu. Und knickse
dem hinaufschauenden Bettler am Boulevard Longchamp freundlich entgegen. Das glucksende Wasser kühlt die Fessel und deren glutrunde Narbe. Und wie es durch mich hindurchdringt.
Also tue ich Geringfügiges: abwaschen, rauchen, Zitronenkerne einpflanzen. Diesmal ist es das Nichts, das dazwischen zu bringen ist. Den Nachklang in den Abspalten einnisten lassen. Und unter allen Tellern, Blumentöpfen und Ascheresten steigen Resonanzen empor. Am Porzellan schabend.
Montseigneur - 2. Apr, 01:00
Früher Nachmittag bringt leicht taumelnde Knie und Passanten heran. Wir sitzen vor Minzewasser, Savannenbaumtee und einer manchmal schlagenden Kirchturmglocke. Der Schokoladenkuchen ist schon im Ofen, ruft die Kellnerin über die Terrasse und geht dann mit "drei Baguettes unter dem linken und zusammengeklapptem Kindersportwagen unter dem rechten Arm in Richtung quai du port weg."
Während er die Postkarte stempeln lassen geht, blättere ich in den Kalenderspalten, konjugiere die Zifferblattfolge.
Auf der Karte steht nun meine scheue Großbuchstabenunterschrift, wie damals an der Kinderzimmerwand, hinter der Gardine. Hinzu fügt er: +.
Ich betrachte aufmerksam meine ungefeilten Nägel, versuche sie an Stirn und Zähnen abzuhobeln, um aus den Spänen Indizien für sich anbahnende Weltherrschaften abzulesen. Während sich unter Haaren das Ohrläppchen dem Kiefergrund nähert.
Montseigneur - 1. Apr, 10:40
Der Mistral peitscht das Wasser auf zu Schneewinden, die über die Wellen lodern wie Weißasche. Ich versuche, mir Rauch aus den Augen zu reiben und die Haare nach hinten zu streichen, zurück ins verschwimmende Land, zu den sich aneinander schmiegenden Wolken, Bäumen, Händen. Auf der Weltkarte folge ich den Graden über Länder, Flüsse, Gebirge. Mariannengraben und Kamtschatka, Aleuten und Siebengebirg. Pass-und Uhrenvergleich, Geschichtsspuren: Großvater erzählt von vogtländischen Äckern neunzehnhundertvierundvierzig, während Großmutters Blick meine Kleidung überfliegt wie die sieben Fische in ihrer Bouillabaisse.
In den Händen halten wir Fischbesteck und blanke Zukunft.
Montseigneur - 19. Mrz, 19:18
Und ich pfeife auf die Literatur. Auf Barthes, Gide, Rimbaud, auf die mediokren - Proust, Baudelaire, Männer, Camus. Und ihren Narzissmus zu feiern. Hufscharrenden Dämonen die Nymphe zu geben. Teil für andere Summen zu sein. Und jede verendete Party ist ein Trauma. Das Nachhausetaumeln die Heimkehr aus einer Kriegsgefangenschaft. Ausgemergelt von Blicken, von missverständlichen Gesten zerfetzt. Hinter der Stirnhöhle reißt versperrtes Gebiet auf. Dahinter die Gedanken wie Minen. Erst später, nach vier Stunden Schlaf, als ich mit zittrigem Leib zum Rudern sprinte, habe ich plötzliches Verständnis für die Vergnügungsgier der Kriegsgeneration. Schnell etwas dazwischen zu bringen, zwischen das Heute und Gestern. Dass sich das Leid entfernt.
Das Zu Feiernde liegt andernorts, liegt vergraben in sich aufblätternden Sehnsuchtsspalten, unterdecks. Dort dämmert es, zugewachsen von der Einsicht, Halbherzigkeiten für Wunder zu halten.
Montseigneur - 4. Mrz, 15:40
In den Mahlstroemen ganzer Sonntage, Katzen streunen umher, Hunger setzt sich, lebe ich umsonst. Die Welt will betrachtet sein. Wie ein Zoo.
Wessen Fuß des anderen Terrain passiert. Wessen Hand wen handelt. Sanft, wie in den Fenstern eines Cafés der Schatten des Geschirrs auf rostbraunes Holz fällt.
Ölig schimmert der Nachmittag in die Vitrinen.
Stille Stunde, in der die Ticketnummer der Hafenfähre mit der Seitenanzahl von Esterhazy übereinstimmt. Hunde gähnen. Zucker löst sich, während der Blick tastet. Sich einsehen lassen wie in ein Wintergestrüpp. Feldgespräche, halbschläflich. Sprechen, wie Seide zu weben.
Montseigneur - 13. Feb, 20:48