Freitag, 20. Januar 2012

[skizze]

Ob es eine gute Idee war wusste keiner zu sagen. Keiner war sich sicher oder auch nur annähernd davon überzeugt. Allerdings auch nicht vom Gegenteil - es war nicht so einfach. Nein, selbst dazu konnte sich niemand durchringen. Was sollte man davon halten? Allen war klar, worum es hierbei ging, das war nicht die Frage. Man war sich nur unschlüssig, ob der Einfall ein guter war oder eben nicht. Eine einfach Frage mit nur zwei möglichen Antworten. Es war nur eben keine der beiden Antworten zu bekommen, von niemandem. Es war zum Verrücktwerden.

Freitag, 19. März 1999

Traumhochzeit

Eines Nachts vollzog ich aus bisher unerklärter Langeweile eine Verkleinerung meines Körpers, ohne jedoch davon Notiz zu nehmen. Ich war ja zu Hause und dort kenne ich mich aus. Mit einem Satz, den ich nicht mehr weiß, verließ ich das Bett und stand neben meinen Hausschuhen. Es war dunkel, nur der Schein einer Straßenlaterne sehnte sich danach, mein Zimmer unfreiwillig zu beleuchten. Dem hatte ich jedoch einen Riegel in Form schwerer Brokatvorhänge vorgeschoben. Nur durch die Kraft meiner Gedanken verlor ich mich in meiner kleinen Welt und fand mich unversehens im Brotkasten wieder. Ich hätte es nicht für möglich gehalten - es gibt sie wirklich, die Brotspinne. Sie saß mir gegenüber, fett und häßlich, in der einen Hand eine Sesamkrume, in den anderen fünf der wichtigsten Tageszeitungen, die ich mir im Abonnement halte. Leider hatte sie alle Rätsel schon gelöst, ich hatte sowieso keinen Stift dabei, schritt ich also hinaus an die frische Luft. Kaum einen Moment auf der Anrichte erschrak ich auch schon bis ins Mark. Eine winverbrämte, vertraute Stimme sprach zu mir und hieß mich näher zu treten. Ich wandte mich in die Richtung, aus der die Worte gekommen waren und war zu Schmunzeln geneigt. Es war ich selbst, der zu mir sprach. Ich musste mich verdoppelt haben. Natürlich war so etwas nicht möglich. Ich wandte mich voll Abscheu ab vondem ganzen Zinnober und machte mich auf den Heimweg in den Salon, in dem ich vor kurzem gesessen hatte. Ich entdeckte mich in voller Größe auf dem Kanapee zusammengerollt, das Buch noch aufgeschlagen auf dem Schoß. Ebenso meine Augen. Entsetzt erblickte ich mich selbst gleich mehrfach. Freudlos erschlug ich mich mit einer bereits zusammengerollten Zeitung vom Vortag und sank in einen tiefen, langen Schlaf.

Dienstag, 3. August 2010

Hohe Wege

Ich habe einen Sandalen verloren. Er war wohl am See liegen geblieben. In Naumburg hatte ich nur noch einen. Wir fuhren also nicht zum Nietzsche-Haus, sondern weiter zu einem Supermarkt, Schuhe und Federbälle zu entwenden.

Es war sehr still in den Dörfern. Einmal kam plötzlich ein Wirt aus dem Haus und holte ein Klappschild ein. Wir trugen unsere Kleider auf dem nackten Körper und später schliefen wir auf einem Felsen über der Saale ein.

Dort lagen wir an einem Abhang und blickten über die sich vor uns ins Land bettende Senke. Einige wenige Häuser standen eng zusammen, beschirmt von zwei alten Burgen, zwei Männer kamen vorbei.

Insekten verirrten sich in unserem Haar. Eine kleine Ameise lief während ich schlief, vorsichtig über mein Gesicht hinweg zu den Gräsern also und unter den winzigen Leuchtkammern am Himmel.

Freitag, 23. Juli 2010

Block II

Es regnet. Das ist leicht. Es verletzt niemanden, wenn man das sagt. Seit Tagen schließt man zum ersten Mal wieder das Fenster. Das Dach gegenüber ist plötzlich dunkelrot. Und die Wolken liegen so dicht, dass keine Sonne hindurch dringt. Das ist schön. Es macht die Welt dunkel und weich. Und plötzlich erinnert man sich wieder was das war - eine Jacke.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Block I

Ich bin nicht weit gekommen. Schon auf dem Parkplatz bleibe ich stehen. An mir vorbei radeln zwei Mädchen mit nackten Armen in Richtung Park. Ich halte hinter einem schwarzen Auto an. Das Laternenlicht spiegelt sich im Lack. Auf einem Kasten daneben klebt ein Plakat, da steht drauf: Als er stehen blieb, merkte er plötzlich, dass das Leben noch mehr zu bieten hatte. Ich verstehe das nicht. Ich kann gehen und gehe wieder nach Haus.

Dienstag, 22. Juni 2010

Was etwas ist und was etwas nicht.

Ich bin zum Fluss gegangen. Ich habe ihn kaum wahrgenommen, so sehr war ich wohl beschäftigt mit meinen Gedanken, die sich leicht wie Büchsen öffnen lassen. Aber Gedanken sind keine Büchsen, sie haben keine bestimmte Menge, und kein Ende.

Ich bin am Fluss entlang gegangen und habe zu beiden Uferseiten die Baumkronen gesehen, die sich dicht gedrängt über das Wasser beugen, dass einzelne Stämme nur zu vermuten sind. Denn man weiß ja, dass zu jeder Krone ein Stamm gehört. Man könnte theoretisch wohl auch von einem Wald sprechen, aber das hier ist ein Park.

Man hat die Wiese entlang der Böschung gemäht, jetzt liegen sehr viele große Ballen herum. Das Gras ist sehr kurz, so dass ich die Menschen darauf gut erkennen kann. Sie sind recht zahlreich. Zwei Köpfe lugen aus einem kleinen Heuhügel hervor und dahinter sehe ich zwei paar aufrecht gestellte Knie.

Ich habe ein paar Baumzweige gepflückt. Mit ihnen streiche ich an meiner Hose hin und her. Die Blüten sind so zart, dass ein paar sofort abknicken und auf den Kies fallen. Aber das ist nicht schlimm, ich kenne nicht einmal den Namen dieses Baumes.

Ich bin bis zur Brücke gelaufen. In der Mitte saßen drei Mädchen bei ihren Fahrrädern auf dem Boden. Neben ihnen stand ein angebrochener Kasten Vitamalz. Ich habe das Malz geschmeckt und gesehen, wie wir am Hafen dieser norddeutschen Kleinstadt hocken, die eigentlich gar keinen besitzen dürfte. Denn ein Hafen ist viel zu lebendig für eine bis zur Trostlosigkeit nüchternen Gegend.

Irgendwann spät nachts sind wir zurückgeradelt und haben uns an einer Straßenecke verabschiedet. So ausführlich wie ich darüber schreibe, habe ich an der Brücke nicht daran gedacht. Ich habe nur auf die Mädchen geblickt und bin rückwegs den Orten mit vielen Menschen ausgewichen.

Freitag, 8. Januar 2010

Rückkehr unendlich

Mitternacht traten sie hinaus auf die vom aufziehenden Sturm schon verwehten Straße. Sie kamen von entgegengesetzten Richtungen und würden sich gewiss erst an der oberen, der dem Süden zugewandten Seite begegnen.

Sie hatten geschlafen und gearbeitet, beides war erfrischend, wenngleich dämonisch gewesen, denn Arbeit öffnete die Welt, der Schlaf schloss ihre Ränder.

[Sie träumte von Panzern, er von tödlichen Energiewolken. Nur wenige Menschen waren übrig geblieben. Er hatte nur einen Regenschirm besessen, um das Haus gegen Plünderer zu verteidigen.]

Auf dem Weg ließ sie Salzbrezeln in den Schnee fallen, verlor sie an Straßenecken und Kreuzungen, als wollte sie ihre Rückkehr mit Zeichen der Unendlichkeit spuren.
Sie zählte sie nicht, deshalb waren nur noch ein paar zerbrochene Enden übrig, als sie sich schließlich gegenüber standen.

[Vielleicht war das der Fehler gewesen, denn als sie am am nächsten Morgen zurück lief, bekam sie Angst genau an dieser Stelle. Sie ging schnell weiter und versuchte dabei, die Unruhe in Richtung des Saumes zu schieben um das Ausfransen des Stoffes zu verhindern. Es war eiskalt.]

Donnerstag, 7. Januar 2010

Wie wir sind

Manchmal fiel Schnee an diesem Tag und war geblieben, gleich Indizien für eine Welt, in der Kälte die Dinge vor dem Verschwinden bewahrt.

Wir saßen in der Küche und machten Musik. Er hatte die Gitarre auf dem Schoß und zerwühltes Haar. An der Wand hing die Karte des größten Landes dieser Welt, darunter klebten ein paar Zettel.

Fuck you, I support the Underground Metall.

Wir rauchten. Weiter unten war ein Brandloch in der Mauer, tiefer noch als die Wunde am Bein. Ich holte den Rest einer Mango aus dem Schrank und schnitt sie in viele kleine gelbe Stücke.

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