Ich rutschte das Geländer hinunter, sprang auf den Absatz und stand draußen. Einen letzten Moment lang hörte ich noch das kratzige Radio in der 1. Etage, dann fiel die Tür und die Echos verhallten wie eine Horde, in die man gerade hineingeschoßen hat.
Auf der Straße sammelte sich das Laub, einige Blätter hingen noch an den Platanen. Neben mir hielt die Müllabfuhr, zwei Männer sprangen ab. Ihre Gesichter wurden beinah verdeckt von den groben Arbeitshandschuhen, mit denen sie die Container zurück zum Laster stießen. Weiter unten auf der Hauptstraße parkten kleinere Wagen, schwarz gekleidete Männer trugen Kisten in ihre Läden.
Hinter der Fensterscheibe einer Bar sah ich einzelne Männer vor ihrem Bier stehen. Ich sah mich im Spiegelbild nah ihrer Schultern und den Alkoholschweiß wie den Dampf von Tod erhitzter Tiere einatmend.
Sonst war alles hell und richtig. Unten am Platz staute sich der Verkehr im Takt der Ampelfolgen. Das Licht reflektierte in den Scheiben und in den Augen der Passanten. Sie trugen krumme Gesichter und duckten sich unter dem Krach und ihrer Müdigkeit gleich Toter, ein letztes Mal auf der Welt.
Ich bog in eine Nebenstraße ein, fand sofort Ruhe und lief weiter hinunter bis zu dem Platz, an dem wir vor wenigen Tagen Kaffee getrunken hatten. Wie man es tut, wenn es Sonntag ist und man sich hingeben möchte. Ich legte die Handflächen aneinander, streckte die beiden Zeigefinger nach oben, richtete sie auf die besagte Stelle und gab ein paar Geräusche von mir.
Wie man es tut, wenn man Kind ist und eine Mutter hat, die sagt: Ich will nicht, dass du auf andere Leute schießt, und man antwortet: Sieh nur, da sitzt niemand.
Montseigneur - 22. Nov, 11:40
Vor den Stufen des Anwesens spielten ein paar kleine Katzen mit Kastanien und Laub. Rasch stoben sie auseinander, als wir in den Seiteneingang traten. Drinnen eröffnete sich eine prächtige Halle im Jugendstil. Über den holzvertäfelten Wänden strahlten blaue Porzellanfließen und gaben dem Raum die Wirkung eines Stadttores. In der Mitte, von einem Wäscheständer und der Gedenktafel des Verstorbenen umgeben, stand eine Tischtennisplatte. Wir begannen sofort das Spiel.
Aus dem Salon nebenan drang Musik, ein finnischer Tango vielleicht und wir versuchten, die Schläge dem Takt anzupassen, doch lachten wir viel zu laut und fielen dauernd auf unsere Knie.
Am nächsten Morgen saßen wir auf der Terrasse. Das Licht glänzte in den hellgrünen Blättern der Weide, gleich neben dem Erker der Villa. Die Fenster standen weit offen, jemand hatte Dead Man von Neil Young aufgelegt. Wie sehr weiche Tiere glitten die Gitarrenklänge durch die weitgeöffneten, die leeren Räume und zogen langsam an uns vorbei. Wir saßen im Kreis, tranken Kaffee und betrachteten die im Sonnenlicht flimmernden Konturen.
Der Himmel, nur von schmalen Wolkenstreifen berührt, leuchtete gleich unserer Augen. Alles trieb dahin, enlang der Raine zu den tief in die Ferne hinein sich drehenden Räder, als würde das Land geborgen.
Montseigneur - 17. Nov, 14:32
In der Ferne blinkten Lichträder und der Himmel hielt eine unendliche Anzahl von Sternen bereit. Wir öffneten das Dachfenster und fotografierten hinaus in die Nacht.
In der abgeschlossenen Dunkelheit folgten wir dem unsichtbaren Netz von Vergessenem. Kisten, Hocker, Balken verteilten sich auf dem Boden, an den Wänden reihten sich Nägel, Regale mit Spinnweben bedeckt. Im Schein der Taschenlampe glitzerten sie, als wären Wassertropfen gefangen doch waren es winzige Körper von toten Fliegen. In einer Ecke fanden wir zwei Kronleuchter, eingehüllt in eine Decke aus Staub.
Wir machten von alldem Photos. Die Belichtung dauerte eine halbe Minute, währenddessen wagte ich kaum zu atmen oder zu sprechen. Wir sahen den Lichtstrahlen der Lampe zu, wie sie durch den Raum glitten und verharrten noch, nachdem sich die Blende längst wieder geschlossen hatte, als würden wir von jedem Bild Abschied nehmen.
Plötzlich schlug das Dachfenster auf, Wind zog hinein und mit ihm vielleicht auch die Geister. Wir verhielten uns still, atmeten kaum und fühlten ihre Berührung wie ein Geständnis.
Montseigneur - 15. Nov, 21:47
Wir saßen zu fünft im Auto und die Luft war stickig. Die Fensterscheiben beschlugen, kaum hatten wir die Stadt verlassen. Auf unseren Schößen lagen Tüten mit fünfhundert Kugeln für jeden. Wir hockten auf der Rückbank, aus den Boxen drang Rammstein. Zwischen uns saß Josef, ein russischer Jude, der von Flattpuffs im Süden der Stadt und von den Vorzügen der neuen AK 74 erzählte.
Wir fuhren über die Autobahn Richtung Osten. Der Morgen war kalt mit einer großen runden Sonne darin, die schwächer wurde, je weiter wir kamen, bis da nur noch ein heller Fleck vor grauem Himmel war.
Als wir endlich im Graben lagen, war es beinnah finster über den Baumkronen. Der Atem schlug gegen das Visier, einzelne Kondenstropfen sammelten sich auf dem Plexiglas. Ich klemmte das Gewehr unter den Arm und versuchte es möglichst gerade auf etwas zu halten, was gegenüber lag – ein unbekanntes Stück Wald mit Bäumen darin, Gehölz bis zum Kinn und ab und an schwarze, sich bewegende Punkte dazwischen.
Auf ein verabredetes Zeichen hin sprangen sie plötzlich auf, rannten davon, hinüber ins Feindgebiet. Ich sah ihnen nach, sah die Rückseiten ihrer Tarnanzüge und überlegte zu folgen, doch war ich schon viel zu lange allein. Ich blieb also liegen, lauschte den Schüssen und gab ein paar Salven dazu.
Ich glaube, ich traf ihn sofort. Ich erkannte ihn an der Art, die Arme zu heben. Wie eine von fremden Kräften gezogene Marionette richtete er die Hände empor, und sah sich dabei kurz um. Ich drückte mich nach unten, spürte den Sand zwischen den Zähnen bröseln und biss auf die Körner. Ich habe gezählt: Ich war es. Ich war es nicht. Ich war es. Und das war kein Traum, das war in Polen.
Dann lag der Wald wieder ganz in Ruhe. Ich blickte auf die Bäume und die Zweige und das Ganze und wartete, bis nichts mehr davon zu erkennen war. Dann stand ich auf, spuckte den Rest Sand aus und ging zurück zu den anderen Autos.
Montseigneur - 6. Nov, 09:45
Ich schiebe die Gardinen zur Seite, sehe das graue Licht und den Regen. Am Balkongeländer reihen sich die Tropfen zu einer Karawane aus Wasser.
Ich trete hinaus auf den kalten Beton und bleibe sofort kleben. Es sind die Reste des Leims, mit dem wir gestern Bilder auf Karton geklebt haben. Ich hielt das Lineal, er zog das Messer. Ganz langsam und sehr konzentriert schnitt er entlang meiner Hand, dass sich die Haare unserer Handrücken berührten wie Spitzen sehr feiner Stacheln.
Und das war es auch: Eine durch Nähe aufgerichtete Bewegung, in der jeder Schnitt eine Trennung zusammenfügte und sich vergrößerte gemäß des Fortlaufs gemeinsamer Arbeit. Wir schnitten, bis es dunkelte und wir schließlich umgeben waren von Kartonresten gleich den Stoppeln eines kleinen Feldes von Zeit.
Der Regen geht. Langsam löse ich den Fuß vom Boden und öffne die Hand, um die Tropfen von der Unterseite des Geländers zu streichen. Sie lassen sich leicht einfangen und bleiben für einen Moment auch in meiner Hand. Dann rollen sie weiter, strömen wie eine Herde von winzigen Rundtieren zwischen den Fingern hinaus auf den glatten, den müden Handrücken.
Montseigneur - 3. Nov, 09:50
Am Ufer, von Schilfrohr verborgen, liegt ein Holzkahn im Schlick. Daneben stehen zwei Angler, halten die Schnüre in den gleichmäßig strömenden Fluss. Zwei kleine Eimer stehen hinter ihnen, schon mit vielen winzigen Fischen gefüllt. Sie öffnen die Deckel, präsentieren die Fänge und erklären mir Arten der Zubereitung.
Aus dem Wald hinter uns erscheint plötzlich eine alte Frau. Sie führt einen Stock in der Hand und treibt damit zwei große Ziegen. Sie staksen über den Sand hinüber zu einer flachen Grasstelle, dort schlägt die Alte den Rock zusammen und hockt sich auf einen Holzpfahl. Die Ziegen beginnen zu grasen. Ihr Fell leuchtet in der Abendsonne. 2 und 5 Jahr sind sie alt, sie geben gute Milch, sagt die Alte, in ihrem Mund blitzt eine Reihe Silberzähne.
Die Sonne sinkt, bald liegen die Tiere zu unseren Füßen. Aus ihrem Fell steigt der Geruch von Stall und von Rauch.
Als ich zurücklaufe, stehen die Angler noch immer am Ufer, ganz still liegt der Fuss und drüben im versunkenen Gebiet, drängen sich Wälder vor weiße Felsen. Die Sonne verschwindet, hinter den Hügeln rauscht weiter der Strom der Automotoren.
Montseigneur - 24. Sep, 09:30
Auf der Hügelkuppe folgen wir den verwachsenen Pfaden zu den Baracken des Erholungsheims. Die Mückengitter sind zerrissen, das Glas hat Sprünge, in den Ritzen liegt der Müll. Wir sind allein in den Ruinen. In der Mitte des Geländes liegt ein leeres Schwimmbecken, der Boden ist bedeckt mit schwarzem Laub und von Wurzeln aufgerissen.
Die Abendsonne senkt sich über die brüchigen Fließen, wirft Schatten unter das trockenbleiche Gras. Wir treten hinter einem Haus hervor und werden plötzlich geblendet, blinzeln und erkennen wie sich von der Sonne selbst geformte Hügel bilden, in deren Mitte zieht der Don, spiegelt sich im Abendhimmel. An den Ufern steht der Wald und verbirgt den Wasserlauf des Stroms, wir blicken bis zur nächsten Biegung und zu den verzierten Holzhäusern am Hang. Wir steigen hinab, erster Sand dringt in die Schuhe, Zweige knacken und das Land liegt still wie Haut.

Montseigneur - 20. Sep, 21:14
Der Bus holpert über den Asphalt, manchmal driften wir auf den Seitenstreifen. Das Benzin kostet zwischen 18 und 21 Rubel, die meisten Autos sind alte Wolgas mit verdunkelten Seitenfenstern.
Am Straßenrand hocken Tramper mit riesigen Taschen und Frauen vor ihren Eimern mit Äpfeln und Pilzen. An den Feldrändern sitzen Männer in Autos, auf der Kühlhaube stehen Flaschen mit Honig.
Wir fahren weiter ins Land, hinter den Baumreihen lugen die Köpfe der Sonnenblumen hervor, bilden das graue Meer von Sommerhitze. In den Dörfern weiden Kühe und Ziegen am Weg. Männer tragen Eimer zum Brunnen und stapeln das Holz.
Wir rauchen und werfen die Filter aus dem Fenster. Um das, was allen gehört, muss man sich nicht kümmern, das ist hier Tradition, sagt der Professor neben mir, und fügt hinzu:
Wir gehören zu der Zahl von Nationen, die gleichsam nicht zum menschlichen Verband gestoßen sind, sondern nur deshalb existieren, um der Welt irgendeine wichtige Lektion zu erteilen.
Montseigneur - 20. Sep, 12:23
Morgens streife ich durch die Straßen, die meisten sind nach Flüssen benannt. Das Pflaster ist brüchig, in den Ritzen sammelt sich Wasser, an meiner Seite trottet der Hund. Im Park sind wir allein, das Ordnungsamt ist noch nicht unterwegs. Ich werfe den Ball, er landet im Baum. Wir schauen uns an und gemeinsam nach oben, ich werfe Steine und klettere schließlich hinauf.
In der Nähe leuchtet das Gelb einer fast fertigen Stadtvilla, eine Wand hat Farbbeutelflecken, an einer anderen hängen zwei Videokameras. Wir laufen vorbei an der Baustelle, weiter hinauf zum Kanalufer. Bis vor kurzem ließ sich der Zaun noch mit einem Maulschlüssel öffnen. Jetzt hat die Stadt neue Systeme gebaut. Ein Spalt ist noch offen, wir schlüpfen hindurch und stapfen zum Rand.
Das Tier springt ins Wasser, ich bleibe im Gras, an den Knöcheln sammelt sich Tau. Ich warte darauf, dass der Hund zurückkommen wird, doch er dreht sich nicht um sondern schwimmt weiter hinaus. Ein paar Mal rufe ich ihn bei seinem Namen, als es nichts nützt, gehe ich weg.
Montseigneur - 12. Aug, 08:30