Wir saßen zu fünft im Auto und die Luft war stickig. Die Fensterscheiben beschlugen, kaum hatten wir die Stadt verlassen. Auf unseren Schößen lagen Tüten mit fünfhundert Kugeln für jeden. Wir hockten auf der Rückbank, aus den Boxen drang Rammstein. Zwischen uns saß Josef, ein russischer Jude, der von Flattpuffs im Süden der Stadt und von den Vorzügen der neuen AK 74 erzählte.
Wir fuhren über die Autobahn Richtung Osten. Der Morgen war kalt mit einer großen runden Sonne darin, die schwächer wurde, je weiter wir kamen, bis da nur noch ein heller Fleck vor grauem Himmel war.
Als wir endlich im Graben lagen, war es beinnah finster über den Baumkronen. Der Atem schlug gegen das Visier, einzelne Kondenstropfen sammelten sich auf dem Plexiglas. Ich klemmte das Gewehr unter den Arm und versuchte es möglichst gerade auf etwas zu halten, was gegenüber lag – ein unbekanntes Stück Wald mit Bäumen darin, Gehölz bis zum Kinn und ab und an schwarze, sich bewegende Punkte dazwischen.
Auf ein verabredetes Zeichen hin sprangen sie plötzlich auf, rannten davon, hinüber ins Feindgebiet. Ich sah ihnen nach, sah die Rückseiten ihrer Tarnanzüge und überlegte zu folgen, doch war ich schon viel zu lange allein. Ich blieb also liegen, lauschte den Schüssen und gab ein paar Salven dazu.
Ich glaube, ich traf ihn sofort. Ich erkannte ihn an der Art, die Arme zu heben. Wie eine von fremden Kräften gezogene Marionette richtete er die Hände empor, und sah sich dabei kurz um. Ich drückte mich nach unten, spürte den Sand zwischen den Zähnen bröseln und biss auf die Körner. Ich habe gezählt: Ich war es. Ich war es nicht. Ich war es. Und das war kein Traum, das war in Polen.
Dann lag der Wald wieder ganz in Ruhe. Ich blickte auf die Bäume und die Zweige und das Ganze und wartete, bis nichts mehr davon zu erkennen war. Dann stand ich auf, spuckte den Rest Sand aus und ging zurück zu den anderen Autos.
Montseigneur - 6. Nov, 09:45
Ich schiebe die Gardinen zur Seite, sehe das graue Licht und den Regen. Am Balkongeländer reihen sich die Tropfen zu einer Karawane aus Wasser.
Ich trete hinaus auf den kalten Beton und bleibe sofort kleben. Es sind die Reste des Leims, mit dem wir gestern Bilder auf Karton geklebt haben. Ich hielt das Lineal, er zog das Messer. Ganz langsam und sehr konzentriert schnitt er entlang meiner Hand, dass sich die Haare unserer Handrücken berührten wie Spitzen sehr feiner Stacheln.
Und das war es auch: Eine durch Nähe aufgerichtete Bewegung, in der jeder Schnitt eine Trennung zusammenfügte und sich vergrößerte gemäß des Fortlaufs gemeinsamer Arbeit. Wir schnitten, bis es dunkelte und wir schließlich umgeben waren von Kartonresten gleich den Stoppeln eines kleinen Feldes von Zeit.
Der Regen geht. Langsam löse ich den Fuß vom Boden und öffne die Hand, um die Tropfen von der Unterseite des Geländers zu streichen. Sie lassen sich leicht einfangen und bleiben für einen Moment auch in meiner Hand. Dann rollen sie weiter, strömen wie eine Herde von winzigen Rundtieren zwischen den Fingern hinaus auf den glatten, den müden Handrücken.
Montseigneur - 3. Nov, 09:50
Am Ufer, von Schilfrohr verborgen, liegt ein Holzkahn im Schlick. Daneben stehen zwei Angler, halten die Schnüre in den gleichmäßig strömenden Fluss. Zwei kleine Eimer stehen hinter ihnen, schon mit vielen winzigen Fischen gefüllt. Sie öffnen die Deckel, präsentieren die Fänge und erklären mir Arten der Zubereitung.
Aus dem Wald hinter uns erscheint plötzlich eine alte Frau. Sie führt einen Stock in der Hand und treibt damit zwei große Ziegen. Sie staksen über den Sand hinüber zu einer flachen Grasstelle, dort schlägt die Alte den Rock zusammen und hockt sich auf einen Holzpfahl. Die Ziegen beginnen zu grasen. Ihr Fell leuchtet in der Abendsonne. 2 und 5 Jahr sind sie alt, sie geben gute Milch, sagt die Alte, in ihrem Mund blitzt eine Reihe Silberzähne.
Die Sonne sinkt, bald liegen die Tiere zu unseren Füßen. Aus ihrem Fell steigt der Geruch von Stall und von Rauch.
Als ich zurücklaufe, stehen die Angler noch immer am Ufer, ganz still liegt der Fuss und drüben im versunkenen Gebiet, drängen sich Wälder vor weiße Felsen. Die Sonne verschwindet, hinter den Hügeln rauscht weiter der Strom der Automotoren.
Montseigneur - 24. Sep, 09:30
Auf der Hügelkuppe folgen wir den verwachsenen Pfaden zu den Baracken des Erholungsheims. Die Mückengitter sind zerrissen, das Glas hat Sprünge, in den Ritzen liegt der Müll. Wir sind allein in den Ruinen. In der Mitte des Geländes liegt ein leeres Schwimmbecken, der Boden ist bedeckt mit schwarzem Laub und von Wurzeln aufgerissen.
Die Abendsonne senkt sich über die brüchigen Fließen, wirft Schatten unter das trockenbleiche Gras. Wir treten hinter einem Haus hervor und werden plötzlich geblendet, blinzeln und erkennen wie sich von der Sonne selbst geformte Hügel bilden, in deren Mitte zieht der Don, spiegelt sich im Abendhimmel. An den Ufern steht der Wald und verbirgt den Wasserlauf des Stroms, wir blicken bis zur nächsten Biegung und zu den verzierten Holzhäusern am Hang. Wir steigen hinab, erster Sand dringt in die Schuhe, Zweige knacken und das Land liegt still wie Haut.

Montseigneur - 20. Sep, 21:14
Der Bus holpert über den Asphalt, manchmal driften wir auf den Seitenstreifen. Das Benzin kostet zwischen 18 und 21 Rubel, die meisten Autos sind alte Wolgas mit verdunkelten Seitenfenstern.
Am Straßenrand hocken Tramper mit riesigen Taschen und Frauen vor ihren Eimern mit Äpfeln und Pilzen. An den Feldrändern sitzen Männer in Autos, auf der Kühlhaube stehen Flaschen mit Honig.
Wir fahren weiter ins Land, hinter den Baumreihen lugen die Köpfe der Sonnenblumen hervor, bilden das graue Meer von Sommerhitze. In den Dörfern weiden Kühe und Ziegen am Weg. Männer tragen Eimer zum Brunnen und stapeln das Holz.
Wir rauchen und werfen die Filter aus dem Fenster. Um das, was allen gehört, muss man sich nicht kümmern, das ist hier Tradition, sagt der Professor neben mir, und fügt hinzu:
Wir gehören zu der Zahl von Nationen, die gleichsam nicht zum menschlichen Verband gestoßen sind, sondern nur deshalb existieren, um der Welt irgendeine wichtige Lektion zu erteilen.
Montseigneur - 20. Sep, 12:23
Morgens streife ich durch die Straßen, die meisten sind nach Flüssen benannt. Das Pflaster ist brüchig, in den Ritzen sammelt sich Wasser, an meiner Seite trottet der Hund. Im Park sind wir allein, das Ordnungsamt ist noch nicht unterwegs. Ich werfe den Ball, er landet im Baum. Wir schauen uns an und gemeinsam nach oben, ich werfe Steine und klettere schließlich hinauf.
In der Nähe leuchtet das Gelb einer fast fertigen Stadtvilla, eine Wand hat Farbbeutelflecken, an einer anderen hängen zwei Videokameras. Wir laufen vorbei an der Baustelle, weiter hinauf zum Kanalufer. Bis vor kurzem ließ sich der Zaun noch mit einem Maulschlüssel öffnen. Jetzt hat die Stadt neue Systeme gebaut. Ein Spalt ist noch offen, wir schlüpfen hindurch und stapfen zum Rand.
Das Tier springt ins Wasser, ich bleibe im Gras, an den Knöcheln sammelt sich Tau. Ich warte darauf, dass der Hund zurückkommen wird, doch er dreht sich nicht um sondern schwimmt weiter hinaus. Ein paar Mal rufe ich ihn bei seinem Namen, als es nichts nützt, gehe ich weg.
Montseigneur - 12. Aug, 08:30
Vier Monate und Wohnungen später öffne ich endlich die Kartons, beginne die Inhalte zu ordnen nach Nutzen und nach Alphabet. Noch sind es nur Schemen, die sich langsam zu einem Raum fügen, gleich der Nacht, die erste Konturen zeichnet von Dächern, Fenstern und dem schwarzem Laub in den Baumkronen.
Von der Straße dringt das Brummen der Motoren, Fahrzeug zieht Richtung Süd-Ost. Schon rieche ich Salz, sehe Möwen und Plastiktüten aufsteigen und folge dem Licht, wie es heller wird. Auch diese Stadt könnte am Meer liegen jetzt, denn es ist Sommer und vor der Tür warten Männer mit Narben im Gesicht.
Montseigneur - 10. Aug, 10:08
Ich zog die Schultern zusammen, die Straßen entlang. Windklar war die Nacht und leer, nur einmal sah ich ein Auto abgleiten in ein Parkdeck, dann auch Menschen in einem Laden sprechen und schließlich das noch erleuchtete Zimmer im ersten Stock rechts.
Wäre ich mir gewisser gewesen, hätte ich es einen Bann nennen können, doch drehte ich nur eine weitere Runde um die Saalkirche in der Mitte des Platzes. Fast wäre ich von einem Auto erfasst worden und spürte dieses Abwenden schon als Verlust.
Später strich ich durch die Wohnung, ging in die Küche zum schmutzigen Geschirr, versuchte Auskunft zu erhalten über die Ereignisse, doch war da nur Rest von Verschwundenem. Ich blickte hinüber zur Fensterbank, fand dort eine vertrocknete Mango. Ich betrachtete sie, bis ich sie für einen farbigen Stein hielt, als gäbe es tatsächlich Dinge, die erst zu täuschen beginnen, schaut man sie sehr lange an.
Montseigneur - 22. Apr, 09:50
Und dann ist es vorbei. Dann stehe ich auf einem Balkon und weiß nicht wohin mit der Zigarettenasche. Gegenüber steht eine Kirche, von der die Untervermieter sagen, sie sei immer still. Nur das Kreuz hebt sich gegen das Morgenlicht, das blendet.
Unter mir ist eine Straße, sind Autos und Baustellen.
Ein Arbeiter rotzt, jemand schreit igitt. Am Straßenschild hängt ein Fahrradschlauch und die Litfaßsäule hat ein Fliegenpilzdach. Die Frauen sind dicker, die Männer länger und alle fahren sie Rad. Es gibt Trinkwasser aus der Leitung, Werbung auf Türkisch und Mobilnummern, die ich nicht mehr erkenne. Die Temperaturen steigen, doch bleibt man gespannt und spricht von sich wie von Präsentkörben.
Montseigneur - 31. Mrz, 09:50